Wenn ein Kind vom Dra­vet-Syn­drom betrof­fen ist, gera­ten Fami­li­en oft in einen anhal­ten­den Aus­nah­me­zu­stand. Anfäl­le, Not­fäl­le, Unsi­cher­heit und Schlaf­man­gel prä­gen den All­tag. Vie­le Eltern beschrei­ben beson­ders die ers­ten Jah­re als eine Zeit per­ma­nen­ter Alarm­be­reit­schaft. Eine neue wis­sen­schaft­li­che Stu­die hat nun genau­er unter­sucht, was die­se dau­er­haf­te Belas­tung psy­chisch bedeu­tet und wie Eltern im Ver­lauf Wege fin­den, damit umzu­ge­hen.

Ein bri­ti­sches For­schungs­team hat dazu aus­führ­li­che Grup­pen­ge­sprä­che mit Eltern von Kin­dern mit Dra­vet-Syn­drom geführt und aus­ge­wer­tet. Im Mit­tel­punkt stand nicht die medi­zi­ni­sche Behand­lung, son­dern die elter­li­che Erfah­rung: Wie fühlt sich der Weg an? Was hilft beim Bewäl­ti­gen? Und war­um gera­ten man­che Eltern in tie­fe Erschöp­fung, wäh­rend ande­re mit der Zeit wie­der mehr inne­re Sta­bi­li­tät ent­wi­ckeln?

Wor­um ging es in der Unter­su­chung?

Für die Stu­die wur­den 24 Eltern in mode­rier­ten Gesprächs­grup­pen befragt. Die For­schen­den woll­ten ver­ste­hen, wie sich Belas­tung, Bewäl­ti­gung und Anpas­sung im Lau­fe der Jah­re ent­wi­ckeln. Aus die­sen Gesprä­chen ent­stand ein Modell typi­scher Anpas­sungs­pro­zes­se. Es beschreibt kei­ne fes­ten Stu­fen, son­dern wie­der­keh­ren­de Mus­ter, in denen sich vie­le Erfah­run­gen der Eltern wider­spie­geln.

Deut­lich wur­de: Die psy­chi­sche Belas­tung ist kein Rand­the­ma, son­dern ein zen­tra­ler Bestand­teil des Lebens mit Dra­vet.

Leben im Schat­ten von Ver­lust und feh­len­der Unter­stüt­zung

Vie­le Eltern berich­ten von einem anhal­ten­den Gefühl des Ver­lusts. Gemeint ist nicht nur die Sor­ge um die Gesund­heit des Kin­des, son­dern auch die Trau­er um erwar­te­te Lebens­we­ge, um Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten im All­tag und um frü­he­re Zukunfts­bil­der. Die­se Gefüh­le kön­nen in unter­schied­li­chen Lebens­pha­sen immer wie­der auf­tau­chen, etwa wenn gleich­alt­ri­ge Kin­der Ent­wick­lungs­schrit­te machen, die beim eige­nen Kind aus­blei­ben. Gleich­zei­tig schil­dern vie­le Fami­li­en einen Man­gel an ver­läss­li­cher Unter­stüt­zung. Hil­fen müs­sen häu­fig selbst orga­ni­siert wer­den, Zustän­dig­kei­ten sind unklar, Ent­las­tung kommt spät oder gar nicht. Eltern erle­ben sich dadurch nicht nur als Sorge‑, son­dern auch als Koor­di­na­ti­ons- und Kampf­zen­trum der Ver­sor­gung.

Die ers­te Zeit: Trau­ma und Über­le­bens­mo­dus

Nahe­zu alle befrag­ten Eltern beschrie­ben Situa­tio­nen, die sie als trau­ma­tisch erlebt haben. Schwe­re Anfäl­le, Inten­siv­be­hand­lun­gen, Reani­ma­ti­ons­si­tua­tio­nen oder die Mit­tei­lung der Dia­gno­se haben sich bei vie­len tief ein­ge­prägt. Man­che spre­chen aus­drück­lich von Trau­ma-Sym­pto­men, ande­re davon, bestimm­te Erin­ne­run­gen kaum noch auf­ru­fen zu kön­nen.

In die­ser Pha­se schal­ten vie­le Eltern in einen Über­le­bens­mo­dus. Der All­tag ist geprägt vom Funk­tio­nie­ren, Reagie­ren und Absi­chern. Inne­re Anspan­nung, hohe Wach­sam­keit und ein Gefühl stän­di­ger Alarm­be­reit­schaft wer­den als Nor­mal­zu­stand erlebt.

Kon­trol­le als Bewäl­ti­gungs­ver­such und ihre Gren­zen

Um mit der Unsi­cher­heit umzu­ge­hen, ent­wi­ckeln vie­le Eltern inten­si­ve Kon­troll- und Schutz­stra­te­gien. Sie eig­nen sich umfang­rei­ches medi­zi­ni­sches Wis­sen an, beob­ach­ten ihr Kind sehr genau und trau­en die Betreu­ung oft kaum jemand ande­rem zu. Das gibt zunächst Halt und Hand­lungs­si­cher­heit.

Lang­fris­tig kann die­se Form der Dau­er­an­span­nung jedoch an die Gren­zen der eige­nen Kräf­te füh­ren. Meh­re­re Eltern berich­ten in der Stu­die von Pha­sen tie­fer Erschöp­fung, von depres­si­ven Epi­so­den oder regel­rech­ten Zusam­men­brü­chen. Die For­schen­den ord­nen das nicht als per­sön­li­ches Schei­tern ein, son­dern als nach­voll­zieh­ba­re Fol­ge chro­ni­scher Über­las­tung.

Wen­de­punk­te: Wenn neue For­men der Bewäl­ti­gung ent­ste­hen

Ein Teil der Eltern beschreibt im wei­te­ren Ver­lauf einen inne­ren Wen­de­punkt. Oft ent­steht er dann, wenn deut­lich wird, dass der bis­he­ri­ge Dau­er-Alarm­zu­stand nicht durch­halt­bar ist. Neue Bewäl­ti­gungs­for­men ent­wi­ckeln sich häu­fig dort, wo Unter­stüt­zung ange­nom­men wer­den kann, Aus­tausch mit ande­ren betrof­fe­nen Fami­li­en ent­steht oder the­ra­peu­ti­sche Beglei­tung mög­lich wird.

Vie­le berich­ten, dass sie ler­nen muss­ten, Hil­fe nicht nur als theo­re­tisch sinn­voll, son­dern als not­wen­dig zu akzep­tie­ren. Klei­ne eige­ne Frei­räu­me, per­sön­li­che Inter­es­sen und bewuss­te Selbst­für­sor­ge gewin­nen wie­der einen Platz. Damit ver­bun­den ist oft auch die Wie­der­ent­de­ckung einer eige­nen Iden­ti­tät jen­seits der stän­di­gen Pfle­ge- und Alarm­rol­le.

Inte­gra­ti­on statt „alles gut“

Die Stu­die beschreibt als mög­li­che spä­te­re Ent­wick­lung eine Pha­se der Inte­gra­ti­on. Gemeint ist kein Zustand, in dem die Belas­tung ver­schwin­det. Viel­mehr geht es um eine trag­fä­hi­ge­re inne­re Ein­ord­nung der Situa­ti­on. Eini­ge Eltern berich­ten, dass die stän­di­ge Erwar­tungs­angst nach­lässt, dass sie stär­ker im Moment leben kön­nen und ihre Prio­ri­tä­ten sich ver­scho­ben haben.

Gleich­zei­tig bleibt das Leben mit Dra­vet ver­letz­lich. Über­gän­ge, Kri­sen oder neue Ver­sor­gungs­ab­schnit­te kön­nen alte Belas­tungs­re­ak­tio­nen wie­der akti­vie­ren. Anpas­sung wird des­halb als fort­lau­fen­der Pro­zess ver­stan­den – nicht als end­gül­ti­ges Ziel.

Was sich aus der Stu­die ablei­ten lässt

Die AutorIn­nen plä­die­ren dafür, Eltern von Kin­dern mit Dra­vet-Syn­drom früh­zei­tig trau­ma­sen­si­bel zu beglei­ten. Psy­cho­lo­gi­sche Unter­stüt­zung, Eltern­an­ge­bo­te und Aus­tausch­for­ma­te soll­ten nicht als Zusatz, son­dern als Teil guter Ver­sor­gung ver­stan­den wer­den. Beson­ders der Kon­takt zu ande­ren betrof­fe­nen Fami­li­en wird als ent­las­tend und sta­bi­li­sie­rend beschrie­ben.

Eine zen­tra­le Bot­schaft der Stu­die lau­tet: Vie­le Reak­tio­nen von Eltern sind nor­ma­le Ant­wor­ten auf eine außer­ge­wöhn­li­che Belas­tungs­si­tua­ti­on. Schwan­kun­gen zwi­schen Kon­trol­le und Erschöp­fung, zwi­schen Hoff­nung und Trau­er gehö­ren zu die­sem Weg dazu.

Oder anders gesagt: Nicht alles, was sich schwer anfühlt, ist ein Zei­chen von Schwä­che. Oft ist es ein Zei­chen davon, wie viel getra­gen wird.

Zur Stu­die

Hier geht es zur Stu­die: Mer­cier A. et al. (2025): Trau­ma, coping, and adjus­t­ment when paren­ting a child with Dra­vet syn­dro­me.
Euro­pean Jour­nal of Paed­ia­tric Neu­ro­lo­gy.