Auf dem 16. Europäischen Epilepsiekongress (EEC) in Athen wurden Anfang September neue Langzeitdaten zu Zorevunersen vorgestellt. Die Ergebnisse stammen aus den offenen Verlängerungsstudien der bisherigen Phase‑1/2a-Studien und umfassen inzwischen Beobachtungen über einen Zeitraum von bis zu vier Jahren. Nach Angaben von Stoke Therapeutics zeigen sich weiterhin deutliche und anhaltende Reduktionen der Anfallshäufigkeit sowie Verbesserungen in den Bereichen Kognition und Verhalten.
Die Ergebnisse sind interessant, weil Zorevunersen nicht nur die Anfälle reduzieren, sondern möglicherweise auch Auswirkungen auf weitere Merkmale des Dravet-Syndroms haben könnte. Gleichzeitig ist wichtig: Die neuen Daten stammen weiterhin aus offenen Verlängerungsstudien. Die entscheidende Bestätigung der Wirksamkeit soll die laufende Phase-3-Studie EMPEROR liefern.
Vier Jahre Behandlung: Verbesserungen bleiben bestehen
An den ursprünglichen Phase‑1/2a-Studien nahmen insgesamt 81 Kinder und Jugendliche mit schwer behandelbarem Dravet-Syndrom im Alter von zwei bis 18 Jahren teil. 75 von ihnen setzten die Behandlung anschließend in einer der beiden offenen Verlängerungsstudien fort. Zum Zeitpunkt der Vier-Jahres-Auswertung waren noch 58 der 75 Teilnehmenden in diesen Studien.
Bei den Kindern und Jugendlichen, die Zorevunersen zusätzlich zu ihrer bestehenden antiepileptischen Behandlung erhielten, wurden über die Jahre weiterhin Reduktionen der Anfallshäufigkeit beobachtet. Gleichzeitig zeigten sich Verbesserungen bei Kognition und Verhalten. Nach Angaben von Stoke waren diese Veränderungen gegenüber dem Ausgangspunkt der Verlängerungsstudien nach einem, zwei, drei und vier Jahren statistisch signifikant.
Dabei wurden unter anderem Bereiche untersucht, die im Alltag eine große Bedeutung haben. Die verwendete Vineland-3-Skala erfasst beispielsweise Kommunikation, soziale Fähigkeiten und Alltagskompetenzen.
Auch schwere Anfälle gingen zurück
Neu vorgestellt wurde außerdem eine Auswertung besonders schwerer Anfallsformen. Dazu zählen unter anderem generalisierte tonisch-klonische Anfälle sowie fokal zu bilateral tonisch-klonische Anfälle.
In der offenen Verlängerungsbeobachtung zeigten sich auch bei diesen Anfallsformen deutliche Reduktionen über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren im Vergleich zum Ausgangswert der Phase‑1/2a-Studien.
Diese Ergebnisse sind von besonderem Interesse, da schwere und lang anhaltende Anfälle zu den wesentlichen Risiken des Dravet-Syndroms gehören. Allerdings lässt sich aus dieser offenen Analyse nicht ableiten, dass Zorevunersen das Risiko eines plötzlichen unerwarteten Todes bei Epilepsie (SUDEP) tatsächlich reduziert. Dafür wären entsprechende kontrollierte Untersuchungen notwendig.
Hinweise auf Verbesserungen der Lebensqualität
Eine weitere Auswertung beschäftigte sich mit der Lebensqualität. Dafür wurde unter anderem die EuroQol Visual Analog Scale (EQ-VAS) eingesetzt. Auf dieser Skala bewerten Patientinnen und Patienten ihren allgemeinen Gesundheitszustand auf einer Skala von 0 bis 100.
Nach Angaben des Unternehmens zeigten sich bis zu 28 Monate nach Beginn der Verlängerungsstudien deutliche Verbesserungen gegenüber dem Ausgangswert.
Gerade bei einer Erkrankung wie dem Dravet-Syndrom ist dieser Aspekt relevant: Die Auswirkungen der Erkrankung gehen weit über die epileptischen Anfälle hinaus und können Entwicklung, Verhalten, Kommunikation und Selbstständigkeit beeinflussen.
Wie gut wird Zorevunersen vertragen?
Auch zur längerfristigen Verträglichkeit wurden neue Daten vorgestellt. Nach Angaben von Stoke wurden inzwischen mehr als 930 Dosen verabreicht. Einige Patientinnen und Patienten werden bereits seit mehr als fünf Jahren im Rahmen der klinischen Entwicklung behandelt. Insgesamt wird Zorevunersen weiterhin als gut verträglich beschrieben.
Ein häufig beobachteter Laborbefund ist ein erhöhter Eiweißgehalt im Liquor, also in der Flüssigkeit, die Gehirn und Rückenmark umgibt. Dieser trat bei etwa 94 Prozent der Patientinnen und Patienten auf; bei 59 Prozent wurde er als behandlungsbedingtes unerwünschtes Ereignis eingestuft. Nach Angaben des Unternehmens waren damit bislang keine schweren oder schwerwiegenden klinischen Auswirkungen verbunden. Fälle von Hydrozephalus wurden nicht berichtet.
Die langfristige Sicherheit bleibt dennoch ein wichtiger Bestandteil der weiteren Beobachtung.
Warum könnten die Ergebnisse für das Dravet-Syndrom bedeutsam sein?
Zorevunersen verfolgt einen anderen Ansatz als klassische Medikamente zur Anfallskontrolle. Das Antisense-Oligonukleotid soll die Produktion des Natriumkanals NaV1.1 aus der noch funktionierenden Kopie des SCN1A-Gens erhöhen. Dadurch soll der zugrunde liegende Mangel an NaV1.1‑Protein ausgeglichen werden.
Die neuen Langzeitdaten sind deshalb besonders interessant, weil nicht nur die Anfallshäufigkeit, sondern auch Entwicklung, Verhalten und Lebensqualität untersucht wurden.
Die entscheidende Frage beantwortet erst die Phase 3
Trotz der positiven Entwicklungen ist bei der Interpretation Vorsicht wichtig. Die Phase‑1/2a- und Verlängerungsstudien sind offen, das heißt, die Behandlung wurde nicht gegen eine Placebo- beziehungsweise Scheinbehandlung verglichen. Dadurch können beispielsweise natürliche Entwicklungsverläufe oder andere Einflussfaktoren nicht vollständig von einem möglichen Therapieeffekt getrennt werden.
Genau deshalb ist die laufende Phase-3-Studie EMPEROR so entscheidend. Sie ist randomisiert, doppelblind und scheinkontrolliert. Insgesamt wurden in der primären Analysepopulation 162 Kinder und Jugendliche in den USA, im Vereinigten Königreich und in Japan eingeschlossen. Auch die europäische Rekrutierung ist inzwischen abgeschlossen; hier wurden 34 Teilnehmende aufgenommen.
Der wichtigste Studienendpunkt ist die Veränderung der Häufigkeit großer motorischer Anfälle nach 28 Wochen. Zusätzlich werden unter anderem längerfristige Anfallskontrolle sowie Veränderungen bei Kognition und Verhalten untersucht.
Die Ergebnisse der Phase 3 werden derzeit für das dritte Quartal 2027 erwartet.
Was bedeutet das für Familien?
Die neuen Daten sind ermutigend, insbesondere weil sich positive Entwicklungen über mehrere Jahre beobachten lassen. Sie liefern Hinweise darauf, dass Zorevunersen möglicherweise über eine reine Reduktion von Anfällen hinaus Wirkung zeigen könnte.
Gleichzeitig handelt es sich weiterhin um Daten aus offenen Studien. Sie sind daher noch kein endgültiger Nachweis für die Wirksamkeit oder eine krankheitsmodifizierende Wirkung. Zorevunersen befindet sich weiterhin in der klinischen Entwicklung und ist bislang von keiner Zulassungsbehörde als Therapie für das Dravet-Syndrom zugelassen.
Für Familien bedeutet das: Die Entwicklung ist wissenschaftlich sehr relevant und gibt Anlass zu vorsichtiger Hoffnung. Ob sich die bisherigen Ergebnisse auch in einer größeren, kontrollierten Studie bestätigen lassen, muss die Phase 3 zeigen.
Wie geht es weiter?
Mit den Vier-Jahres-Daten wächst die Zahl der langfristigen Beobachtungen zu Zorevunersen weiter. Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise für die weitere Entwicklung des Therapieansatzes. Gleichzeitig steht mit EMPEROR nun die entscheidende Prüfung unter kontrollierten Bedingungen bevor.
Sollte die Phase-3-Studie die bisherigen Ergebnisse bestätigen, wäre dies ein bedeutender Schritt auf dem Weg zu einer möglichen ersten krankheitsmodifizierenden Therapie des Dravet-Syndroms. Bis dahin bleibt es wichtig, die neuen Daten als das einzuordnen, was sie derzeit sind: vielversprechende Langzeitergebnisse, deren klinische Bedeutung noch durch die Phase-3-Studie bestätigt werden muss.
Zu der Pressemitteilung von Stoke Therapeutics und Biogen vom 3. September 2026 sowie die auf dem Europäischen Epilepsiekongress vorgestellten Daten kommst du hier.
