Encoded Therapeutics hat auf der ASGCT 2026 neue klinische Daten zur experimentellen Gentherapie ETX101 vorgestellt. Die Ergebnisse stammen aus dem laufenden POLARIS-Programm und umfassen inzwischen mehr Kinder, längere Beobachtungszeiträume und erstmals auch Daten aus der höchsten Dosierungsstufe.
Besonders im Fokus stehen dabei zwei Fragen, die für Familien beim Dravet-Syndrom zentral sind:
Kann die Therapie Anfälle langfristig reduzieren? Und gibt es Hinweise darauf, dass sich auch die Entwicklung der Kinder positiv beeinflussen lässt?
Die vorgestellten Daten liefern darauf erste ermutigende Hinweise. Dennoch bleibt wichtig zu betonen, dass sich ETX101 weiterhin in der klinischen Entwicklung befindet und die Ergebnisse bisher auf kleinen Patientengruppen beruhen.
Was ist ETX101?
ETX101 ist eine experimentelle Gentherapie für Kinder mit SCN1A-positivem Dravet-Syndrom. Ziel der Therapie ist es, die Aktivität des SCN1A-Gens wieder zu erhöhen und damit die Funktion bestimmter hemmender Nervenzellen im Gehirn zu verbessern. Die Therapie soll damit direkt an der genetischen Ursache des Dravet-Syndroms ansetzen.
Die Behandlung erfolgt einmalig über eine intrazerebroventrikuläre Gabe (ICV), also direkt in die Gehirnflüssigkeit. Die Therapie ist darauf ausgelegt, langfristig zu wirken.
Deutliche Anfallsreduktion über 52 Wochen
Laut den neuen Daten zeigte sich nach einmaliger Behandlung eine anhaltende und dosisabhängige Verringerung der Anfälle. Besonders hervorgehoben wurde die dritte Dosierungsgruppe (DL3), bei der sich die mediane monatliche Anfallshäufigkeit über den Zeitraum von Woche 5 bis Woche 52 um etwa 76 % reduzierte.
Die Autor:innen betonen dabei einen wichtigen Punkt: Gerade im frühen Kindesalter nimmt die Anfallsbelastung beim Dravet-Syndrom normalerweise häufig weiter zu, trotz bestehender antiepileptischer Therapie. Vor diesem Hintergrund werden die beobachteten Veränderungen als klinisch relevant eingeordnet.
Erste Daten aus der höchsten Dosierungsgruppe (DL4) zeigen ebenfalls eine weitere dosisabhängige Wirkung. Gleichzeitig handelt es sich bislang nur um sehr kleine Patientenzahlen, sodass diese Ergebnisse noch vorsichtig interpretiert werden müssen.
Hinweise auf Verbesserungen der Entwicklung
Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt auf dem ASGCT-Kongress die Beobachtung möglicher Entwicklungsfortschritte.
Bei Kindern, die bereits 52 Wochen nachbeobachtet wurden, berichteten die Forschenden über Verbesserungen in mehreren Bereichen des Alltagsverhaltens. Dazu gehörten unter anderem Kommunikation, Motorik, soziale Interaktion und Selbstständigkeit im Alltag. Bewertet wurden diese Veränderungen mithilfe standardisierter Entwicklungsskalen (VABS‑3).
Besonders auffällig waren die Daten bei sehr jungen Kindern unter zwei Jahren. Laut den vorgestellten Ergebnissen zeigten einige dieser Kinder kognitive Entwicklungsverläufe, die sich deutlich von der typischen Entwicklungsstagnation beim Dravet-Syndrom unterschieden. Teilweise bewegten sich die gemessenen Entwicklungskurven innerhalb des neurotypischen Bereichs.
Diese Beobachtung gehört zu den derzeit am intensivsten diskutierten Aspekten von ETX101. Gleichzeitig ist wichtig einzuordnen:
Die bisherigen Daten stammen aus frühen Studienphasen mit kleinen Gruppen und ohne Kontrollgruppe. Ob sich diese Effekte in größeren, kontrollierten Studien bestätigen lassen, muss erst noch gezeigt werden.
Sicherheitsdaten: Bisher keine therapiebedingten schweren Nebenwirkungen
Nach Angaben des Unternehmens zeigte ETX101 bislang ein insgesamt günstiges Sicherheitsprofil über alle getesteten Dosierungsstufen hinweg. Schwerwiegende therapie- oder verfahrensbedingte Nebenwirkungen wurden bisher nicht berichtet.
Die häufigsten behandlungsbedingten Veränderungen betrafen erhöhte Leberwerte (Transaminasen). Solche Veränderungen sind bei AAV-basierten Gentherapien bekannt und wurden laut Unternehmen klinisch nicht symptomatisch. In allen Fällen sollen sich die Werte wieder normalisiert haben.
Auch hier gilt jedoch: Die bisherigen Sicherheitsdaten basieren noch auf relativ kleinen Patientenzahlen und begrenzten Beobachtungszeiträumen.
Parallel läuft jetzt die entscheidende Studienphase an
Zeitgleich mit den neuen klinischen Daten hat Encoded Therapeutics einen weiteren wichtigen Entwicklungsschritt bekannt gegeben: In der pivotalen ENDEAVOR-Part-2-Studie wurde inzwischen das erste Kind behandelt. Damit ist die entscheidende Studie auf dem Weg zu einer möglichen Zulassung nun offiziell aktiv angelaufen.
In dieser Studie wird ETX101 erstmals unter streng kontrollierten Bedingungen untersucht. Geplant ist die Teilnahme von etwa 30 Kindern im Alter von sechs Monaten bis unter vier Jahren mit SCN1A-positivem Dravet-Syndrom. Die Studie ist randomisiert und doppelblind, was bedeutet, dass Familien und behandelnde Ärzt:innen zunächst nicht wissen, welche Kinder die Therapie direkt erhalten.
Zusätzlich wurde auch in der Erweiterungsstudie ENDEAVOR Part 1B bereits das erste Kind behandelt. Dort erhalten ältere Kinder und Jugendliche zwischen vier und 18 Jahren ETX101, um weitere Erkenntnisse zur Sicherheit und möglichen Wirksamkeit in dieser Altersgruppe zu gewinnen.
Aufmerksamkeit auf internationaler Ebene
Die neuen Daten wurden im sogenannten Presidential Symposium der ASGCT vorgestellt, einem besonders ausgewählten Programmbereich des internationalen Gentherapie-Kongresses. Nur wenige Projekte werden für diese Präsentationsform ausgewählt.
Zusätzlich wurde ETX101 in das FDA-Programm „CDRP“ aufgenommen, das Therapien mit beschleunigter klinischer Entwicklung bei der Produktions- und Zulassungsplanung unterstützen soll.
Diese Entwicklungen zeigen, dass ETX101 derzeit international große Aufmerksamkeit erhält.
Was bedeuten die neuen Daten für Familien?
Die aktuellen Ergebnisse gehören zu den bislang umfangreichsten klinischen Daten einer krankheitsmodifizierenden Gentherapie beim Dravet-Syndrom. Besonders die Kombination aus anhaltender Anfallsreduktion und möglichen Entwicklungsfortschritten sorgt international für großes Interesse.
Gleichzeitig ist wichtig, die Ergebnisse realistisch einzuordnen. ETX101 bleibt weiterhin eine experimentelle Therapie, die bislang nur in klinischen Studien untersucht wird. Viele Fragen sind noch offen, unter anderem zur langfristigen Wirksamkeit, Sicherheit und Übertragbarkeit auf größere Patientengruppen.
Die Daten liefern aber zunehmend Hinweise darauf, dass Gentherapien künftig möglicherweise nicht nur Symptome beeinflussen, sondern direkt in den Krankheitsverlauf eingreifen könnten.
Ob sich diese Hoffnung bestätigt, werden die laufenden kontrollierten Studien zeigen müssen.
Zur ursprünglichen Pressemitteilung von Encoded Therapeutics kommst du hier.
Zu den präsentierten ASGCT-Daten hier.

