Trig­ger­war­nung: Die­ses Inter­view ent­hält detail­lier­te Schil­de­run­gen und Beschrei­bun­gen von SUDEP (plötz­li­cher uner­war­te­ter Tod bei Epi­lep­sie) und den damit ver­bun­de­nen Erfah­run­gen und Emo­tio­nen. Die­se Inhal­te kön­nen emo­tio­nal sehr belas­tend und ver­stö­rend sein, gera­de, wenn man selbst oder eine dir nahe­ste­hen­de Per­son an Epi­lep­sie erkrankt ist. Wenn Du das Gefühl haben, dass die Inhal­te Dich zu sehr belas­ten könn­ten, zie­he bit­te in Betracht, das Inter­view nicht zu lesen oder lass Dich wäh­rend des Lesens von einer Ver­trau­ens­per­son beglei­ten.

Git­ta ist die Mama von Ster­nen­kind Andre­as. Mit uns teilt sie die bewe­gen­de Geschich­te über das Leben mit ihrem Sohn, der das Dra­vet-Syn­drom hat­te – wenn auch ohne gesi­cher­te gene­ti­sche Dia­gno­se. Heu­te wäre Andre­as 45 Jah­re alt.

Wann und wie hast Du gemerkt, dass mit Andre­as etwas nicht stimm­te?

Andre­as wur­de im April 1980 gebo­ren. An Weih­nach­ten des­sel­ben Jah­res hat­te er sei­nen ers­ten Anfall. Als ich den Anfall bemerk­te, nahm ich ihn sofort auf den Arm, schrie mei­nen Mann an, wach zu wer­den, und wir fuh­ren ins Kran­ken­haus. Damals gab es noch kein Inter­net, und das Dra­vet-Syn­drom war erst kurz zuvor, 1978, medi­zi­nisch beschrie­ben wor­den. Kei­nes der Krank­heits­bil­der, die ich kann­te oder über die ich las, pass­te zu dem, was ich bei Andre­as erleb­te.

Wie seid ihr mit der unkla­ren Dia­gno­se umge­gan­gen?

Wir hat­ten kei­ne gene­ti­sche Bestä­ti­gung, son­dern muss­ten uns auf das kli­ni­sche Bild ver­las­sen. Wir ver­such­ten, die Medi­ka­ti­on so anzu­pas­sen, wie es nötig war, und waren dank­bar, dass sei­ne Anfäl­le nicht in einem Sta­tus ende­ten.

Wie habt ihr als Fami­lie euren All­tag gestal­tet?

Wir kann­ten damals nie­man­den mit einem ähn­li­chen Krank­heits­bild. Also muss­ten wir ler­nen, fle­xi­bel zu sein. Andre­as hat­te zwei Schwes­tern, die nach ihm gebo­ren wur­den, und wir ver­such­ten, nie­man­den zu ver­nach­läs­si­gen. Er besuch­te einen Kin­der­gar­ten und eine Schu­le für Kin­der mit kör­per­li­chen und geis­ti­gen Behin­de­run­gen. Sei­ne Anfäl­le gehör­ten ein­fach zu unse­rem Leben. Sei­ne Schwes­tern lieb­ten ihn abgöt­tisch.

Gab es Pha­sen, die Du als beson­ders schwie­rig emp­fun­den hast?

Als Andre­as 16 wur­de, wur­de es kom­pli­zier­ter. Er war medi­ka­men­tös falsch ein­ge­stellt, wur­de aggres­siv und kam ins Kran­ken­haus. Danach war er in einem schlech­te­ren Zustand. Im Kran­ken­haus woll­te man sei­ne Aggres­si­on mit Tran­qui­li­zern unter­drü­cken, aber das woll­te ich nicht. Ich bin aus dem Gespräch mit dem Chef­arzt ein­fach auf­ge­stan­den und gegan­gen.

Wie hat sich Andre­as wei­ter­ent­wi­ckelt?

Er merk­te, dass sei­ne Schwes­tern ein ande­res Leben hat­ten als er. Mit der Zeit zog er in eine Ein­rich­tung, was die bes­te Ent­schei­dung war. Dort fand er Freun­de, ver­lieb­te sich, und er freu­te sich, wenn wir ihn besuch­ten – aber auch, wenn er wie­der zurück­ge­bracht wur­de. Lei­der führ­ten sei­ne Anfäl­le oft zu Kopf­platz­wun­den, die genäht wer­den muss­ten. Ohne mich hät­te er das nie zuge­las­sen. Er trug einen Helm, aber im Bad natür­lich nicht, was zu Ver­let­zun­gen füh­ren konn­te. Er bau­te lang­sam, aber ste­tig ab.

Im Jahr 2005 ist Andre­as ver­stor­ben. Möch­test Du über sei­nen Tod erzäh­len?

Am 27. Juli 2005 rief uns der Lei­ter sei­ner Ein­rich­tung an. Ich wuss­te sofort, dass etwas Schlim­mes pas­siert war. Als wir anka­men, woll­te der Not­arzt die Situa­ti­on erklä­ren, aber ich unter­brach ihn und frag­te nur, wie lan­ge er schon reani­mier­te. Ich wuss­te es ein­fach – Andre­as war gegan­gen. Ich bat, die Reani­ma­ti­on ein­zu­stel­len.

Im Jahr 2021 erschien Dein Buch „Gän­se­blüm­chen. Mein glück­li­ches Leben mit mei­nem behin­der­ten Sohn“. War­um hast du beschlos­sen, über Andre­as zu schrei­ben?

Ich habe lan­ge über­legt, ob ich über Andre­as schrei­ben soll. Am Ende habe ich ein­fach über unser Leben geschrie­ben. Als das Buch her­aus­kam, hat mich Sil­ke vom Dra­vet-Ver­ein kon­tak­tiert und gefragt, ob Andre­as Dra­vet hat­te. Ich wuss­te es nicht sicher, aber die Sym­pto­ma­tik war klas­sisch. Spä­ter fand ich einen Jun­gen mit einer ähn­li­chen Geschich­te – sein phä­no­ty­pi­scher Bru­der.

Was möch­test du ande­ren betrof­fe­nen Fami­li­en mit auf den Weg geben?

Der Dra­vet-Syn­drom e.V. ist unglaub­lich wich­tig für uns alle. Auch wenn Andre­as nun ein Ster­nen­kind ist, blei­be ich dem Ver­ein ver­bun­den. Ich habe hier vie­le wun­der­ba­re Kin­der und Eltern ken­nen­ge­lernt.

Vie­len Dank, dass Du die Geschich­te von Andre­as mit uns geteilt hast.

© Foto: pri­vat