Luis aus Nie­der­ös­ter­reich hat­te sei­nen ers­ten Anfall mit acht Mona­ten. Erst nach jah­re­lan­ger ver­zwei­fel­ter Suche nach einer Dia­gno­se wird bei ihm mit fünf Jah­ren das Dra­vet-Syn­drom dia­gnos­ti­ziert. Sei­ne Eltern Mag­da­le­na und Chris­toph tei­len sei­ne Geschich­te.

Könnt Ihr uns etwas über Luis ers­te Anfäl­le erzäh­len? Wie habt Ihr sie bemerkt und wie dar­auf reagiert?

Luis ers­ter Anfall hat sich tief in unser Gedächt­nis ein­ge­brannt. Es war der 25. Dezem­ber 2016, der Geburts­tag sei­ner Oma, an dem tra­di­tio­nell Fami­lie und Freun­de zusam­men­ka­men. Die Fei­er war fröh­lich – bis Luis plötz­lich zusam­men­brach.

Zunächst dach­ten wir, er habe sich ver­schluckt und wür­de ersti­cken. Wir rie­fen sofort den Not­ruf, doch der Ret­tungs­dienst traf erst nach etwa 25 Minu­ten ein. In die­ser Zeit hör­te Luis auf zu atmen. Die­se Angst und Hilf­lo­sig­keit wer­den wir nie ver­ges­sen.

Auch die Betreu­ung im Kran­ken­haus war für uns sehr ent­täu­schend. Die Situa­ti­on wur­de her­un­ter­ge­spielt, was uns viel Ver­trau­en gekos­tet hat.

In der Zeit danach folg­ten wei­te­re Anfäl­le und vie­le Momen­te der Ver­zweif­lung. Erst dadurch wur­de uns klar, dass es sich nicht um Ersti­cken, son­dern um sei­nen ers­ten epi­lep­ti­schen Anfall gehan­delt hat­te.

Wann und wie wur­de bei Luis das Dra­vet-Syn­drom dia­gnos­ti­ziert? Gab es spe­zi­fi­sche Anzei­chen, die zur Dia­gno­se geführt haben?

Über vie­le Jah­re hin­weg wur­den zahl­rei­che Unter­su­chun­gen durch­ge­führt, ohne eine kla­re Dia­gno­se zu erhal­ten. Schließ­lich frag­ten wir unse­ren dama­li­gen Arzt gezielt, ob es nicht wei­ter­füh­ren­de, spe­zi­el­le­re Unter­su­chun­gen gebe – etwa gene­ti­sche Tests.

Die Ant­wort kam eher bei­läu­fig: Man kön­ne das machen, sol­che Unter­su­chun­gen wür­den jedoch erst dann in Betracht gezo­gen, wenn alle ande­ren Mög­lich­kei­ten aus­ge­schöpft sei­en, zudem sei­en sie teu­er.

Für uns als Eltern war das schwer nach­zu­voll­zie­hen – beson­ders nach all den Jah­ren der Unsi­cher­heit und der ver­geb­li­chen Suche nach einer Erklä­rung.

Wie hat sich das Leben für euch als Fami­lie seit der Dia­gno­se­stel­lung ver­än­dert?

Die Dia­gno­se hat unser Leben in vie­ler­lei Hin­sicht ver­än­dert. Einer­seits war sie eine gro­ße Erleich­te­rung, weil das Gefühl „er muss irgend­et­was haben“ end­lich einen Namen bekam. Ande­rer­seits hat sie uns den Boden unter den Füßen weg­ge­zo­gen: Mit der Dia­gno­se ver­schwand auch die Hoff­nung auf Hei­lung – zumal uns zuvor oft gesagt wor­den war, die Anfäl­le wür­den sich aus­wach­sen.

Psy­chisch war es den­noch ent­las­tend. Wir konn­ten die Situa­ti­on end­lich ein­ord­nen und anneh­men. Gleich­zei­tig hat­ten wir das Gefühl, wie­der etwas mehr Kon­trol­le zu gewin­nen – auch, weil die Behand­lung und Medi­ka­ti­on geziel­ter ange­passt wer­den konn­ten.

Wel­che Her­aus­for­de­run­gen stel­len sich im All­tag mit einem Kind mit Dra­vet-Syn­drom?

Es gibt vie­le Ver­än­de­run­gen – unser gan­zes Leben hat sich gewan­delt. Aus einem unbe­schwer­ten „Bil­der­buch-Leben“ wur­de ein von Angst gepräg­ter All­tag. Ich habe es oft als „gol­de­nen Käfig“ beschrie­ben: Nach außen scheint alles da zu sein, doch gleich­zei­tig hat uns das Leben gezeigt, wie schnell sich alles ver­än­dern kann.

Luis war in sei­ner gesam­ten Kin­der­gar­ten­zeit nur etwa zwei Wochen dort. Uns fehlt die­se Sorg­lo­sig­keit – bei allem, was er tut. Dabei ist Luis ein offe­nes, lebens­fro­hes Kind. Er liebt Schnel­lig­keit, Höhe und Action. Genau das fällt uns oft schwer zuzu­las­sen, weil die Erin­ne­run­gen an die Anfäl­le immer mit­schwin­gen und es uns schwer machen, unbe­schwert zu sein.

Wie geht Ihr als Eltern mit den emo­tio­na­len Belas­tun­gen um, die mit der Betreu­ung eines Kin­des mit einer schwe­ren neu­ro­lo­gi­schen Erkran­kung ein­her­ge­hen?

Wir haben das Glück ein unglaub­lich gutes Team zu sein. In schwie­ri­gen Situa­tio­nen funk­tio­nie­ren wir sehr gut mit­ein­an­der. Luis Krank­heit hat uns noch enger zusam­men­ge­schweißt. Uns gibt es auch schon seit unglaub­li­chen 16 Jah­ren als Paar, wir sind mit­ein­an­der auf­ge­wach­sen und erwach­sen gewor­den.

Trotz aller Her­aus­for­de­run­gen mit Luis Erkran­kung haben wir uns unse­ren Humor und die Freu­de am Leben bewahrt. Dank Unter­stüt­zung von außen schaf­fen wir uns auch bewusst Zeit als Paar und geben uns gegen­sei­tig so viel Frei­raum wie mög­lich.

Wel­che Rol­le spielt euer zwei­tes Kind für euch und euren Fami­li­en­all­tag?

Mit Leo­pold sind wir als Fami­lie kom­plett. Ein zwei­tes Kind zu bekom­men, das haben wir uns dank unse­rer star­ken Part­ner­schaft und der Unter­stüt­zung von Mag­da­le­nas Eltern getraut – noch vor der end­gül­ti­gen Dia­gno­se von Luis.

Durch Leo­pold erle­ben wir auch, wie sich das Leben mit einem gesun­den Kind anfühlt – das ist für uns sehr wert­voll. Aber man muss ehr­lich sagen, dass er auch von Luis Dia­gno­se betrof­fen ist. Wir geben als Eltern unser Bes­tes, bei­den Kin­dern gerecht zu wer­den und ihnen so viel wie mög­lich zu ermög­li­chen. Doch vie­le Eltern von Kin­dern mit Dra­vet wis­sen, wie her­aus­for­dernd das ist. 

„Man plant, man stellt sich vor wie das Leben mit Kind wird und dann kommt das Leben um die Ecke und schreibt eine ganz ande­re Geschich­te“.

Mag­da­le­na, Mama von Dra­vet Luis

Wel­che Art von Unter­stüt­zung und Behand­lung erhält Luis für sein Dra­vet-Syn­drom?

Wir haben mit Luis nicht nur schul­me­di­zi­nisch, son­dern auch alter­na­tiv sehr viel gear­bei­tet. Das reicht von Cra­nio Sakral, über Osteo­pa­thie, Bio­re­so­nanz, Hip­po­the­ra­pie bis zu Ergo­the­ra­pie.

Wie geht es Luis jetzt?

Luis geht es aktu­ell gut und er ist sta­bil wie noch nie. Seit er zusätz­lich Fen­flu­ra­min ein­nimmt, ist er nun seit neun Mona­ten anfalls­frei – selbst bei Krank­heit, Fie­ber, Auf­re­gung oder Stress.

Er ent­wi­ckelt sich gut, ist fröh­lich und aktiv – manch­mal viel­leicht sogar ein biss­chen zu aktiv. Wir sind sehr dank­bar für die­se Ent­wick­lung und hof­fen, dass sie anhält, auch wenn wir wis­sen, wie schnell sich das ändern kann.

Wie sieht Luis All­tag heu­te aus?

Nach anfäng­li­chen Schwie­rig­kei­ten besucht Luis inzwi­schen eine Son­der­schu­le. Neben dem Dra­vet-Syn­drom ist er auch im Autis­mus­spek­trum, und dort bekommt er die Unter­stüt­zung und Rah­men­be­din­gun­gen, die er für eine gute Schul­zeit braucht.

Wel­che Hoff­nung und Träu­me habt Ihr für Luis Zukunft?

Wir wün­schen ihm, dass er glück­lich ist. Mehr wol­len wir gar nicht. Dass sei­ne Talen­te und sein Kön­nen gese­hen wer­den, nicht nur sei­ne Krank­heit. Dass er sich ver­lie­ben kann, Freun­de fin­det, wenig Anfäl­le hat und einen Ort hat, der ihn glück­lich macht. Wir wis­sen nicht, wo das sein wird. Wer weiß, viel­leicht grün­den wir ja selbst einen Ort für genau sol­che Men­schen wie Luis, wo sie gut betreut, geför­dert und ange­nom­men wer­den.

Wel­chen Rat möch­tet Ihr Fami­li­en auf den Weg geben, die erst vor kur­zem die Dia­gno­se Dra­vet-Syn­drom erhal­ten haben?

Das Leben geht wei­ter – auch wenn es die Dia­gno­se einen hart und uner­war­tet trifft. Akzep­tanz ist ein wich­ti­ger Schritt, um wie­der ins eige­ne Leben zurück­zu­fin­den.

Hal­tet euch an den schö­nen Momen­ten fest – sie sind beson­ders wert­voll. Lacht, trefft Freun­de, und lasst auch schwie­ri­ge Gefüh­le zu. Und vor allem: Denkt in klei­nen Schrit­ten. Die Zukunft lässt sich nicht vor­her­sa­gen.

Gibt es etwas, was Ihr unbe­dingt los­wer­den möch­tet?

Wir sind sehr dank­bar für die Men­schen, die die­sen Ver­ein gegrün­det haben und Fami­li­en wie unse­re die Mög­lich­keit geben, sich zu ver­net­zen und aus­zu­tau­schen.

Das Gefühl, mit Sor­gen, Ängs­ten und Gedan­ken nicht allein zu sein, ist unglaub­lich wert­voll, genau­so wie die medi­zi­ni­schen Kon­tak­te, die wir erhal­ten haben. Dan­ke von Her­zen. ❤️