Eine von Pati­en­ten- und Fami­li­en­or­ga­ni­sa­tio­nen initi­ier­te Ana­ly­se zeigt, wo die Dra­vet-For­schung heu­te steht und wel­che Fra­gen für Betrof­fe­ne und ihre Fami­li­en noch drin­gend beant­wor­tet wer­den müs­sen.

Das Dra­vet-Syn­drom wird häu­fig vor allem über sei­ne Epi­lep­sie beschrie­ben. Die Anfäl­le begin­nen meist im ers­ten Lebens­jahr und kön­nen schwer behan­del­bar sein. Doch für Fami­li­en endet die Erkran­kung nicht mit der Fra­ge, wie vie­le Anfäl­le ein Kind hat.

Auch Ent­wick­lung, Ver­hal­ten, Spra­che, Moto­rik, Schlaf und spä­ter das Erwach­se­nen­al­ter kön­nen den All­tag prä­gen. Genau die­se Berei­che ste­hen im Mit­tel­punkt einer beson­de­ren wis­sen­schaft­li­chen Arbeit, die 2025 im Fach­jour­nal Cli­ni­cal Epi­lep­to­lo­gy ver­öf­fent­licht wur­de.

Die Ana­ly­se wur­de von drei euro­päi­schen Pati­en­ten- und Fami­li­en­or­ga­ni­sa­tio­nen initi­iert, dar­un­ter der Dra­vet Syn­drom e. V.. Auch Sil­ke Fle­ge und Ser­pil Budak waren an der Arbeit betei­ligt. Dan­ke für euren Ein­satz! Ziel war es, nicht nur zusam­men­zu­tra­gen, was die Wis­sen­schaft bereits weiß, son­dern auch sicht­bar zu machen, wo noch wich­ti­ge For­schungs­lü­cken bestehen.

3.003 Ver­öf­fent­li­chun­gen und trotz­dem vie­le offe­ne Fra­gen

Für die Ana­ly­se wur­de die wis­sen­schaft­li­che Lite­ra­tur sys­te­ma­tisch betrach­tet. Ins­ge­samt flos­sen 3.003 Ver­öf­fent­li­chun­gen aus den Daten­ban­ken SCO­PUS und Pub­Med ein. Zusätz­lich wur­den Exper­tin­nen und Exper­ten aus der inter­na­tio­na­len Dra­vet-For­schung in Inter­views und Dis­kus­si­ons­run­den ein­be­zo­gen.

Die Recher­che wur­de bis Juni 2022 aktua­li­siert. Die Arbeit ist damit kei­ne voll­stän­di­ge Moment­auf­nah­me der For­schung im Jahr 2026, son­dern eine umfas­sen­de Ana­ly­se der dama­li­gen For­schungs­land­schaft, die 2025 ver­öf­fent­licht wur­de.

Das Ergeb­nis zeigt ein inter­es­san­tes Span­nungs­feld: In vie­len Berei­chen hat die Dra­vet-For­schung gro­ße Fort­schrit­te gemacht. Gleich­zei­tig gibt es gera­de bei den The­men, die den All­tag von Fami­li­en beson­ders stark beein­flus­sen, noch erheb­li­che Wis­sens­lü­cken.

Dra­vet ist mehr als Epi­lep­sie

Eine zen­tra­le Bot­schaft der Publi­ka­ti­on fin­det sich bereits im Titel: „More than epi­le­psy“ .

Die For­schung hat sich lan­ge stark auf die Anfäl­le kon­zen­triert. Das ist nach­voll­zieh­bar, denn häu­fi­ge und schwer behan­del­ba­re Anfäl­le gehö­ren zu den wich­tigs­ten Merk­ma­len des Dra­vet-Syn­droms.

Doch gleich­zei­tig ent­wi­ckeln vie­le Betrof­fe­ne im wei­te­ren Ver­lauf Schwie­rig­kei­ten in ande­ren Berei­chen. Die Ana­ly­se nennt ins­be­son­de­re:

  • Kogni­ti­on und Ler­nen
  • Ver­hal­ten und sozia­le Ent­wick­lung
  • Moto­rik und Gang­bild
  • Spra­che und Kom­mu­ni­ka­ti­on
  • Schlaf
  • Ent­wick­lung im Erwach­se­nen­al­ter

Gera­de hier sehen die Autoren noch gro­ßen For­schungs­be­darf. Es ist bei­spiels­wei­se noch nicht aus­rei­chend ver­stan­den, wel­che bio­lo­gi­schen Mecha­nis­men hin­ter die­sen Ver­än­de­run­gen ste­hen und wie sich die ein­zel­nen Sym­pto­me über die Lebens­span­ne ent­wi­ckeln.

Für Fami­li­en ist das eine wich­ti­ge Ein­ord­nung: Eine Behand­lung, die Anfäl­le redu­ziert, kann sehr wert­voll sein. Sie beant­wor­tet aber nicht auto­ma­tisch die ande­ren Fra­gen, die das Leben mit Dra­vet-Syn­drom mit sich bringt.

Ent­wick­lung: Was pas­siert nach den ers­ten Lebens­jah­ren?

Vie­le Kin­der mit Dra­vet-Syn­drom ent­wi­ckeln sich zunächst unauf­fäl­lig. Im wei­te­ren Ver­lauf kann sich die Ent­wick­lung jedoch ver­lang­sa­men. Die Ana­ly­se beschreibt ins­be­son­de­re den Zeit­raum zwi­schen dem ers­ten und fünf­ten Lebens­jahr als wich­ti­ge Pha­se.

Betrof­fen sein kön­nen unter ande­rem Ler­nen, Kogni­ti­on, Ver­hal­ten und sozia­le Fähig­kei­ten. Auch Autis­mus-Spek­trum-Stö­run­gen wer­den bei einem Teil der Betrof­fe­nen beschrie­ben.

Gleich­zei­tig ist noch nicht aus­rei­chend geklärt, war­um sich die­se Ent­wick­lungs­ver­läu­fe so ver­än­dern. Wel­che Rol­le spie­len die gene­ti­sche Ursa­che, Anfäl­le, Medi­ka­men­te oder ande­re Fak­to­ren? Und wel­che Ver­än­de­run­gen könn­ten durch eine frü­he­re oder geziel­te­re Behand­lung beein­flusst wer­den? Die Ant­wor­ten dar­auf feh­len bis­lang.

Moto­rik und Spra­che: wich­ti­ge Berei­che mit wenig For­schung

Auch bei der Moto­rik gibt es deut­li­che Wis­sens­lü­cken. Moto­ri­sche Ent­wick­lungs­ver­zö­ge­run­gen sind beim Dra­vet-Syn­drom häu­fig. Im wei­te­ren Ver­lauf kön­nen unter ande­rem Mus­kel­schwä­che, Spas­tik, Kon­trak­tu­ren und Ver­än­de­run­gen des Gang­bil­des auf­tre­ten. Bei man­chen Jugend­li­chen wird für län­ge­re Stre­cken ein Roll­stuhl benö­tigt. Trotz­dem feh­len laut der Ana­ly­se grö­ße­re sys­te­ma­ti­sche Unter­su­chun­gen dazu, wie sich die­se moto­ri­schen Pro­ble­me ent­wi­ckeln und wel­che Behand­lun­gen tat­säch­lich hel­fen.

Ähn­lich sieht es bei Spra­che und Kom­mu­ni­ka­ti­on aus. Pro­ble­me mit Arti­ku­la­ti­on, Stim­me und Spra­che sind beschrie­ben, wur­den wis­sen­schaft­lich aber deut­lich weni­ger unter­sucht als die Epi­lep­sie.

Für Fami­li­en bedeu­tet das: Vie­le Erfah­run­gen aus dem All­tag sind wis­sen­schaft­lich noch nicht so gut unter­sucht, wie es ange­sichts ihrer Bedeu­tung wün­schens­wert wäre.

Auch Schlaf ist ein For­schungs­the­ma

Schlaf­pro­ble­me sind beim Dra­vet-Syn­drom eben­falls häu­fig. Bei jün­ge­ren Kin­dern kön­nen Schwie­rig­kei­ten beim Über­gang zwi­schen Schla­fen und Wach­sein auf­tre­ten. Älte­re Betrof­fe­ne kön­nen Pro­ble­me beim Ein- oder Durch­schla­fen haben. Auch schlaf­be­zo­ge­ne Atem­pro­ble­me wer­den beschrie­ben. Das The­ma ist nicht neben­säch­lich. Schlaf, Anfäl­le und Ler­nen kön­nen mit­ein­an­der zusam­men­hän­gen. Gleich­zei­tig kann ein dau­er­haft gestör­ter Schlaf die gesam­te Fami­lie belas­ten. Die Autoren sehen des­halb auch hier einen deut­li­chen Bedarf an wei­te­rer For­schung. Noch ist bei­spiels­wei­se nicht aus­rei­chend ver­stan­den, wel­che Rol­le SCN1A bei der Schlaf­re­gu­la­ti­on spielt und wie sich die ver­schie­de­nen Schlaf­pro­ble­me gezielt behan­deln las­sen.

Eine beson­ders gro­ße Lücke: das Erwach­se­nen­al­ter

Ein wei­te­rer Punkt fällt in der Ana­ly­se deut­lich auf: Über Erwach­se­ne mit Dra­vet-Syn­drom wis­sen wir ver­gleichs­wei­se wenig. Vie­le Stu­di­en kon­zen­trie­ren sich auf Kin­der. Dabei endet das Dra­vet-Syn­drom nicht mit dem 18. Geburts­tag. Nach den vor­lie­gen­den Erkennt­nis­sen kön­nen sich Anfalls­häu­fig­keit und Anfalls­schwe­re im Lau­fe des Lebens ver­än­dern. Gleich­zei­tig kön­nen bei­spiels­wei­se Par­kin­son-ähn­li­che moto­ri­sche Sym­pto­me und Ver­hal­tens­pro­ble­me bestehen blei­ben. Spe­zi­fi­sche Behand­lungs­leit­li­ni­en für Erwach­se­ne feh­len bis­lang. Die Autoren for­dern des­halb aus­drück­lich mehr For­schung dazu, wie sich das Dra­vet-Syn­drom im Erwach­se­nen­al­ter ent­wi­ckelt und wel­che Behand­lung und Unter­stüt­zung dann not­wen­dig sind.  Für Fami­li­en ist das beson­ders rele­vant: Eine Erkran­kung, die ein Kind von Geburt an beglei­tet, braucht auch lang­fris­ti­ge Per­spek­ti­ven für Jugend und Erwach­se­nen­al­ter.

SUDEP bleibt eine der wich­tigs­ten offe­nen Fra­gen

Beson­ders sen­si­bel ist das The­ma SUDEP, der plötz­li­che uner­war­te­te Tod bei Epi­lep­sie. Das Dra­vet-Syn­drom ist mit einem erhöh­ten Ster­be­ri­si­ko ver­bun­den. Die Ursa­chen von SUDEP sind jedoch wei­ter­hin nicht voll­stän­dig geklärt. Die For­schung unter­sucht unter ande­rem mög­li­che Ver­än­de­run­gen der Herz­funk­ti­on und des auto­no­men Ner­ven­sys­tems, die Schwe­re und Häu­fig­keit der Anfäl­le sowie Ver­än­de­run­gen der Atmung nach einem Anfall. Die bis­he­ri­gen Ergeb­nis­se sind dabei nicht ein­heit­lich: Eini­ge Stu­di­en zei­gen Auf­fäl­lig­kei­ten, ande­re nicht. Die Ana­ly­se macht des­halb deut­lich, dass wei­te­re For­schung zu den Ursa­chen und mög­li­chen Prä­ven­ti­ons­stra­te­gien drin­gend not­wen­dig ist.

Neue The­ra­pien: Hoff­nung auf mehr als Anfalls­kon­trol­le

Die Publi­ka­ti­on gibt auch einen Über­blick über die damals lau­fen­de Ent­wick­lung neu­er The­ra­pien. Beson­ders inter­es­sant sind krank­heits­mo­di­fi­zie­ren­de Ansät­ze wie Zore­vu­n­er­sen, ETX101 und RT101 sowie wei­te­re gene­tisch aus­ge­rich­te­te Ver­fah­ren. Sie ver­fol­gen nicht aus­schließ­lich das Ziel, Anfäl­le zu unter­drü­cken, son­dern set­zen an den bio­lo­gi­schen Mecha­nis­men an, die durch die SCN1A-Ver­än­de­rung gestört sind. Das eröff­net eine wich­ti­ge Per­spek­ti­ve: Wenn es gelingt, die zugrun­de lie­gen­de Stö­rung gezielt zu beein­flus­sen, könn­te eine sol­che The­ra­pie mög­li­cher­wei­se auch Aus­wir­kun­gen auf ande­re Berei­che des Dra­vet-Syn­droms haben, etwa auf Kogni­ti­on, Ver­hal­ten oder Moto­rik. Aber das ist bis­lang eine Hoff­nung und noch kei­ne gesi­cher­te Tat­sa­che.

Die Ana­ly­se weist selbst dar­auf hin, dass die meis­ten damals ent­wi­ckel­ten The­ra­pien vor allem hin­sicht­lich ihrer Aus­wir­kun­gen auf epi­lep­ti­sche Anfäl­le unter­sucht wur­den. Ob und in wel­chem Umfang krank­heits­mo­di­fi­zie­ren­de The­ra­pien tat­säch­lich die nicht epi­lep­ti­schen Sym­pto­me beein­flus­sen kön­nen, muss durch wei­te­re kli­ni­sche Stu­di­en geklärt wer­den.

Was soll­te eine gute Dra­vet-Stu­die künf­tig mes­sen?

Hier liegt viel­leicht die wich­tigs­te For­de­rung der gesam­ten Arbeit. Wenn eine Stu­die aus­schließ­lich fragt, ob ein Medi­ka­ment die Anfalls­häu­fig­keit redu­ziert, blei­ben vie­le ande­re Ver­än­de­run­gen unsicht­bar. Die Autoren und die betei­lig­ten Pati­en­ten- und Fami­li­en­or­ga­ni­sa­tio­nen spre­chen sich des­halb dafür aus, in zukünf­ti­gen Stu­di­en auch Kogni­ti­on, Ver­hal­ten, Moto­rik und wei­te­re rele­van­te Lebens­be­rei­che sys­te­ma­tisch zu erfas­sen. Dafür braucht es stan­dar­di­sier­te Mess­ver­fah­ren, damit Ergeb­nis­se ver­schie­de­ner Stu­di­en mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den kön­nen.

Auch die lang­fris­ti­ge Ent­wick­lung und die Sterb­lich­keit soll­ten stär­ker berück­sich­tigt wer­den. Zudem wer­den direk­te Ver­glei­che ver­schie­de­ner The­ra­pien gefor­dert, um zukünf­tig bes­se­re und nach­voll­zieh­ba­re Behand­lungs­stra­te­gien ent­wi­ckeln zu kön­nen. Das ist ein wich­ti­ger Per­spek­tiv­wech­sel: Nicht nur die Fra­ge „Wie vie­le Anfäl­le hat das Kind?“ soll­te zäh­len. Son­dern auch: „Wie ent­wi­ckelt sich das Kind ins­ge­samt und wie ver­än­dert sich sein Leben?“.

War­um die­se Arbeit für uns als Ver­ein beson­ders inter­es­sant ist

Die Publi­ka­ti­on ist auch des­halb bemer­kens­wert, weil sie nicht aus­schließ­lich aus der wis­sen­schaft­li­chen Welt her­aus ent­stan­den ist. Drei euro­päi­sche Pati­en­ten- und Fami­li­en­or­ga­ni­sa­tio­nen haben die Ana­ly­se gemein­sam initi­iert und finan­ziert. Eine davon ist der Dra­vet Syn­drom e. V. Damit wur­de eine Per­spek­ti­ve ein­ge­bracht, die für Fami­li­en unmit­tel­bar rele­vant ist: Wel­che Fra­gen müs­sen aus Sicht der Betrof­fe­nen und ihrer Ange­hö­ri­gen drin­gend beant­wor­tet wer­den? Die Ant­wort geht weit über die Epi­lep­sie hin­aus. Es geht um die Ent­wick­lung eines Kin­des. Um Spra­che und Kom­mu­ni­ka­ti­on. Um Bewe­gung und Selbst­stän­dig­keit. Um Ver­hal­ten und Schlaf. Um die Fra­ge, wie Jugend­li­che und Erwach­se­ne mit Dra­vet-Syn­drom leben kön­nen. Und um die Fra­ge, wie sich schwe­re Kom­pli­ka­tio­nen wie SUDEP bes­ser ver­ste­hen und mög­li­cher­wei­se ver­hin­dern las­sen.

Der Blick nach vorn

Die Dra­vet-For­schung hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren wich­ti­ge Fort­schrit­te gemacht. Es gibt bes­se­re Kennt­nis­se über die gene­ti­schen Ursa­chen, spe­zi­fi­sche Medi­ka­men­te zur Behand­lung der Epi­lep­sie und meh­re­re neue The­ra­pie­an­sät­ze, die an den zugrun­de lie­gen­den Krank­heits­me­cha­nis­men anset­zen.

Gleich­zei­tig zeigt die Ana­ly­se sehr deut­lich: Das Ziel muss grö­ßer sein als die rei­ne Anfalls­kon­trol­le. Die For­schung soll­te das gesam­te Dra­vet-Syn­drom in den Blick neh­men, über die gesam­te Lebens­span­ne und mit all sei­nen Aus­wir­kun­gen auf Betrof­fe­ne und Fami­li­en.

Die Arbeit lie­fert dafür kei­ne fer­ti­gen Ant­wor­ten. Aber sie zeigt sehr klar, wel­che Fra­gen als Nächs­tes beant­wor­tet wer­den müs­sen. Dra­vet ist mehr als Epi­lep­sie und die For­schung soll­te das immer stär­ker berück­sich­ti­gen. Zum ori­gi­na­len Bei­trag kommst du hier.