Sehr geehr­te Frau War­ken,

als Vor­stand des Dra­vet-Syn­drom e.V. und jeweils pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge eines Kin­des mit dem Dra­vet-Syn­drom  – einer sel­te­nen, the­ra­pie­re­frak­tä­ren und lebens­be­droh­li­chen Form der Epi­lep­sie – wen­den wir uns heu­te in tie­fer Sor­ge an Sie: Die aktu­el­len Plä­ne der Bun­des­re­gie­rung zum Pfle­ge­neu­ord­nungs­ge­setz (PNOG) sowie dro­hen­de Kür­zun­gen in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe bedro­hen das ohne­hin fra­gi­le Ver­sor­gungs­sys­tem unse­rer schwer­kran­ken Kin­der akut.

Das Dra­vet-Syn­drom bedeu­tet für uns ein Leben in per­ma­nen­ter Alarm­be­reit­schaft rund um die Uhr. Schwe­re epi­lep­ti­sche Anfäl­le kön­nen jeder­zeit ohne Vor­war­nung auf­tre­ten, dau­ern meist sehr lan­ge und sind poten­zi­ell lebens­ge­fähr­lich (hohes Risi­ko wäh­rend (Sta­tus epi­lep­ti­cus) oder nach (SUDEP) eines Anfalls zu ver­ster­ben). Hin­zu kom­men aus­ge­präg­te Ent­wick­lungs­ver­zö­ge­run­gen, Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten und Schlaf­stö­run­gen. Unse­re Kin­der kön­nen kei­ne Sekun­de unbe­auf­sich­tigt blei­ben.

Die häus­li­che Pfle­ge, die wir Eltern unbe­zahlt leis­ten, schützt das Gesund­heits­sys­tem vor dem Kol­laps und bewahrt unse­re Kin­der vor einer dau­er­haf­ten, extrem teu­ren Heim­ge­stal­tung.

Die geplan­ten Reform­schrit­te und Spar­maß­nah­men bewir­ken das exak­te Gegen­teil einer ech­ten Ent­las­tung und ver­schär­fen die recht­li­chen Hür­den für unse­re Fami­li­en mit einem Kind mit Dra­vet-Syn­drom mas­siv.

Gefähr­dung der Ent­las­tung durch büro­kra­ti­sche Hür­den

Die im Raum ste­hen­den Ein­schnit­te wie die Ver­schär­fung von Schwel­len­wer­ten oder die strik­te Zweck­bin­dung und Nach­weis­pflicht beim Pfle­ge­geld bedeu­ten für uns einen mas­si­ven büro­kra­ti­schen Mehr­auf­wand. In einem All­tag, der bereits durch The­ra­pien, Arzt­ter­mi­ne und Kri­sen­ma­nage­ment voll­kom­men erschöpft ist, ist zusätz­li­che Büro­kra­tie nicht leist­bar.

Kür­zun­gen in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe ver­hin­dern Teil­ha­be

Vie­le Dra­vet-Fami­li­en sind zwin­gend auf die Ein­glie­de­rungs­hil­fe ange­wie­sen, um Schul­be­glei­tun­gen, Assis­tenz im All­tag oder spä­ter spe­zia­li­sier­te Wohn­for­men zu finan­zie­ren. Kür­zun­gen in die­sem Bereich drän­gen unse­re Kin­der in die Iso­la­ti­on und neh­men ihnen jede Chan­ce auf gesell­schaft­li­che Teil­ha­be.

Finan­zi­el­le Über­las­tung und Alters­ar­mut

Da eine regu­lä­re Erwerbs­ar­beit durch die inten­si­ve 24-Stun­den-Pfle­ge meist kaum oder nur stark redu­ziert mög­lich ist, sind wir ohne­hin von Armut wäh­rend der Zeit der Pfle­ge unse­res Kin­des bedroht. Jede finan­zi­el­le Kür­zung oder Ein­schrän­kung von Bud­gets (wie dem Ent­las­tungs­be­trag) trifft uns im Kern. Zudem sind die geplan­ten Ren­ten­kür­zun­gen für pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge um 30 Pro­zent völ­lig inak­zep­ta­bel. Betrof­fe­ne Eltern leis­ten oft über Jahr­zehn­te hin­weg eine inten­si­ve Rund-um-die-Uhr-Pfle­ge. Wenn nun die Aner­ken­nung die­ser Pfle­ge­leis­tung durch weni­ger Ren­ten­punk­te dras­tisch redu­ziert wird, bestraft dies den jahr­zehn­te­lan­gen phy­si­schen und psy­chi­schen Ein­satz für unse­re Kin­der. Die direk­te Fol­ge die­ser Poli­tik ist eine staat­lich pro­gram­mier­te Alters­ar­mut, die uns als betrof­fe­ne Fami­lie im Alter in die Grund­si­che­rung drängt.

Gemein­sam mit Orga­ni­sa­tio­nen wie der ACH­SE e.V. for­dern wir Sie daher nach­drück­lich auf:

  • Aus­nah­me­re­ge­lun­gen für sel­te­ne und schwe­re chro­ni­sche Erkran­kun­gen: Fami­li­en mit nach­weis­lich hohem medi­zi­ni­schen Behand­lungs- und Über­wa­chungs­auf­wand müs­sen von Kür­zun­gen, schär­fe­ren Schwel­len­wer­ten und büro­kra­ti­schen Nach­weis­pflich­ten kom­plett aus­ge­nom­men wer­den.
  • Bestands­schutz der Ein­glie­de­rungs­hil­fe: Kei­ne Kür­zun­gen bei Leis­tun­gen, die die Inklu­si­on und das zukünf­ti­ge selbst­be­stimm­te Leben unse­rer Kin­der sichern.
  • Ech­te Ent­las­tungs­struk­tu­ren statt Spar­zwang: Wir brau­chen einen ver­läss­li­chen Aus­bau von spe­zia­li­sier­ten Kurz­zeit- und Wohn­pfle­ge­plät­zen, von ambu­lan­ten (Inten­siv-) Pfle­ge­diens­ten und in der Kli­nik spe­zi­el­le Sta­tio­nen, die sowohl von ärzt­li­cher als auch pfle­ge­ri­scher Sei­te auf Kin­der mit schwe­ren Epi­lep­sien vor­be­rei­tet sind.
  • Kei­ne Ren­ten­kür­zun­gen für pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge

Bit­te set­zen Sie sich im par­la­men­ta­ri­schen Ver­fah­ren aktiv dafür ein, dass die Pfle­ge­re­form nicht auf dem Rücken der schwächs­ten Mit­glie­der unse­rer Gesell­schaft – den chro­nisch kran­ken Kin­dern und ihren am Limit arbei­ten­den Eltern – aus­ge­tra­gen wird.

Wir laden Sie herz­lich ein, sich bei einem per­sön­li­chen Gespräch ein Bild von der Rea­li­tät des Lebens mit dem Dra­vet-Syn­drom zu machen.

Über eine Rück­mel­dung zu Ihrer poli­ti­schen Posi­tio­nie­rung in die­ser Sache freu­en wir uns.

Mit freund­li­chen Grü­ßen

 

Dr. Sil­ke Fle­ge                        

Vor­stand, mit Jonas *2008

 

Manue­le Münk­le

Vor­stand, mit Rina *2000

 

Chris Pur­ru­cker

Kas­sen­wart, mit Anni­ka *2013 †2023

 

Nadi­ne Benz­ler    

Epi­lep­sie­fach­be­ra­te­rin, mit Mar­la *2010