Die For­schung an ursäch­li­chen The­ra­pien für das Dra­vet-Syn­drom ent­wi­ckelt sich der­zeit mit hoher Geschwin­dig­keit. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren stan­den vor allem Ansät­ze wie Zore­vu­n­er­sen oder ETX101 im Mit­tel­punkt. Nun wur­de eine wei­te­re prä­kli­ni­sche Stu­die ver­öf­fent­licht, die einen ande­ren Weg ver­folgt, um die Funk­ti­on des SCN1A-Gens zu ver­bes­sern.

Die Arbeit erschien im Fach­jour­nal Mole­cu­lar The­ra­py: Nucleic Acids und wur­de von einem For­schungs­team des Uni­ver­si­ty Col­lege Lon­don durch­ge­führt. Unter­sucht wur­de die The­ra­pie aus­schließ­lich im Maus­mo­dell. Den­noch lie­fert die Stu­die inter­es­san­te Hin­wei­se dar­auf, wel­che neu­en Stra­te­gien künf­tig zur Behand­lung des Dra­vet-Syn­droms ent­wi­ckelt wer­den könn­ten.

Ein ande­rer Weg, die SCN1A-Pro­duk­ti­on zu stei­gern

Bei den meis­ten Men­schen mit Dra­vet-Syn­drom liegt eine soge­nann­te Loss-of-Func­tion-Muta­ti­on im SCN1A-Gen vor. Dadurch wird zu wenig des Natri­um­ka­nals Nav1.1 gebil­det, der für die nor­ma­le Funk­ti­on bestimm­ter Ner­ven­zel­len wich­tig ist.

Vie­le der der­zeit ent­wi­ckel­ten Gen­the­ra­pien ver­fol­gen des­halb das Ziel, die Men­ge an Nav1.1 zu erhö­hen. Der jetzt vor­ge­stell­te Ansatz unter­schei­det sich jedoch von den bis­her bekann­ten Stra­te­gien.

Neben dem eigent­li­chen SCN1A-Gen besitzt der Kör­per eine soge­nann­te natür­li­che Anti­sen­se-RNA (Natu­ral Anti­sen­se Tran­script, NAT). Die­se RNA ent­hält kei­ne Bau­an­lei­tung für ein Pro­te­in, beein­flusst aber, wie viel SCN1A von der Zel­le her­ge­stellt wird. Man kann sie sich ver­ein­facht als eine Art natür­li­chen Reg­ler vor­stel­len.

Genau hier set­zen soge­nann­te Ant­agoN­ATs an. Dabei han­delt es sich um kur­ze RNA-Sequen­zen, die die­se natür­li­che Regu­la­ti­on abschwä­chen sol­len. Ziel ist es, dass die Zel­le wie­der mehr eige­nes SCN1A pro­du­ziert und dadurch auch mehr Nav1.1 zur Ver­fü­gung steht.

Aus einer wie­der­hol­ten Behand­lung soll eine Ein­mal­the­ra­pie wer­den

Ant­agoN­ATs sind kein völ­lig neu­er Ansatz. Frü­he­re Unter­su­chun­gen hat­ten bereits gezeigt, dass sie die Anfalls­häu­fig­keit im Maus­mo­dell redu­zie­ren kön­nen. Aller­dings muss­ten sie dafür mehr­fach in den Liquor­raum ver­ab­reicht wer­den.

Die aktu­el­le Stu­die ver­folgt des­halb eine neue Idee. Die For­schen­den ent­wi­ckel­ten zunächst 18 ver­schie­de­ne Ant­agoN­AT-Kan­di­da­ten und tes­te­ten die­se im Labor. Zwei Sequen­zen erwie­sen sich als beson­ders wirk­sam. Anschlie­ßend wur­den sie mit­hil­fe eines AAV9-Vek­tors ver­ab­reicht. Sol­che Viren wer­den in der Gen­the­ra­pie als Trans­port­mit­tel genutzt, um gene­ti­sches Mate­ri­al in Kör­per­zel­len ein­zu­schleu­sen.

Das Ziel war, die Ant­agoN­ATs nach nur einer Behand­lung dau­er­haft im Kör­per ver­füg­bar zu machen und so eine län­ger anhal­ten­de Wir­kung zu errei­chen. Gleich­zei­tig woll­ten die For­schen­den nicht nur das Gehirn, son­dern auch das Herz errei­chen. Hin­ter­grund ist, dass Nav1.1 auch dort vor­kommt und Ver­än­de­run­gen der Herz­funk­ti­on mög­li­cher­wei­se zum erhöh­ten Risi­ko eines plötz­li­chen uner­war­te­ten Todes bei Epi­lep­sie (SUDEP) bei­tra­gen könn­ten.

Wel­che Ergeb­nis­se zeig­te die Stu­die?

Die bes­ten Ergeb­nis­se erziel­te einer der bei­den getes­te­ten Kan­di­da­ten, der als AntagoNAT‑H bezeich­net wur­de.

Bei neu­ge­bo­re­nen Dra­vet-Mäu­sen erhöh­te sich die Über­le­bens­ra­te bis zum Ende der Beob­ach­tungs­zeit von 50 auf 84,2 Pro­zent. Gleich­zei­tig ent­wi­ckel­ten deut­lich weni­ger Tie­re Fie­ber­krampf­an­fäl­le. Wäh­rend in der unbe­han­del­ten Grup­pe 11 von 15 Mäu­sen einen Fie­ber­krampf­an­fall erlit­ten, waren es in der Behand­lungs­grup­pe nur 2 von 13. Trat ein Anfall den­noch auf, war er im Durch­schnitt kür­zer und weni­ger schwer aus­ge­prägt.

Auch bei den spon­ta­nen epi­lep­ti­schen Anfäl­len zeig­ten sich posi­ti­ve Ergeb­nis­se. Über einen Zeit­raum von 15 Tagen sank die durch­schnitt­li­che Zahl der Anfäl­le von 1,12 auf 0,03 Anfäl­le pro Tag. Gleich­zei­tig ver­kürz­te sich auch die durch­schnitt­li­che Anfalls­dau­er deut­lich.

Dar­über hin­aus unter­such­ten die For­schen­den, ob die The­ra­pie tat­säch­lich ihren bio­lo­gi­schen Effekt erreicht. Sie konn­ten nach­wei­sen, dass im Gehirn der behan­del­ten Mäu­se mehr SCN1A-mRNA gebil­det wur­de. Das spricht dafür, dass der gewähl­te Wirk­me­cha­nis­mus grund­sätz­lich funk­tio­niert. Ein ein­deu­ti­ger Anstieg des Nav1.1‑Proteins ließ sich jedoch nicht nach­wei­sen. Nach Ein­schät­zung der Autorin­nen und Autoren könn­te dies auch dar­an lie­gen, dass sich die­ses Pro­te­in mit den der­zeit ver­füg­ba­ren Metho­den nur schwer zuver­läs­sig mes­sen lässt.

Nicht alle Ergeb­nis­se fie­len ein­deu­tig aus

Die Stu­die zeigt jedoch auch, dass der neue The­ra­pie­an­satz noch zahl­rei­che Fra­gen offen­lässt. So erwie­sen sich nicht alle getes­te­ten Dosie­run­gen als geeig­net. Über­ra­schen­der­wei­se führ­te eine höhe­re Dosis nicht zu bes­se­ren Ergeb­nis­sen, son­dern war teil­wei­se mit einer gerin­ge­ren Über­le­bens­ra­te und Hin­wei­sen auf uner­wünsch­te Wir­kun­gen ver­bun­den. Erst nach­dem die For­schen­den die Dosis redu­ziert hat­ten, ver­bes­ser­ten sich die Ergeb­nis­se deut­lich. Sie ver­mu­ten des­halb, dass die The­ra­pie nur inner­halb eines rela­tiv engen Dosie­rungs­be­reichs sicher und wirk­sam ist.

Außer­dem unter­such­te das Team, ob die Behand­lung auch noch bei älte­ren Mäu­sen wir­ken könn­te. Das ist des­halb inter­es­sant, weil eine The­ra­pie beim Men­schen in der Regel nicht unmit­tel­bar nach der Geburt begin­nen kann. Auch hier zeig­te sich, dass der Ansatz grund­sätz­lich funk­tio­nie­ren könn­te. Aller­dings muss­ten die Dosie­rung ange­passt wer­den und wei­te­re Unter­su­chun­gen sind not­wen­dig, um den opti­ma­len Behand­lungs­zeit­punkt zu bestim­men.

Wie unter­schei­det sich die­ser Ansatz von ande­ren Gen­the­ra­pien?

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren wur­den ver­schie­de­ne gen­the­ra­peu­ti­sche Ansät­ze für das Dra­vet-Syn­drom ent­wi­ckelt. Obwohl sie alle das glei­che Ziel ver­fol­gen, die Funk­ti­on des SCN1A-Gens zu ver­bes­sern, unter­schei­den sie sich deut­lich in ihrem Wirk­me­cha­nis­mus.

Zore­vu­n­er­sen nutzt ein Anti­sen­se-Oli­go­nu­kleo­tid, das die Bil­dung funk­ti­ons­fä­hi­ger SCN1A-RNA erhöht. ETX101 ver­wen­det eben­falls einen AAV9-Vek­tor, trans­por­tiert jedoch einen Tran­skrip­ti­ons­fak­tor, der die Akti­vi­tät des SCN1A-Gens gezielt in hem­men­den Ner­ven­zel­len stei­gern soll.

Der jetzt ver­öf­fent­lich­te Ansatz nutzt eben­falls einen AAV9-Vek­tor, trans­por­tiert jedoch Ant­agoN­ATs. Die­se blo­ckie­ren eine natür­li­che regu­la­to­ri­sche RNA und sol­len dadurch die kör­per­ei­ge­ne Pro­duk­ti­on von SCN1A erhö­hen. Damit stellt die Stu­die einen wei­te­ren mög­li­chen Weg dar, ursäch­lich in den Krank­heits­me­cha­nis­mus des Dra­vet-Syn­droms ein­zu­grei­fen.

Was bedeu­ten die Ergeb­nis­se für Fami­li­en?

Die Ergeb­nis­se sind wis­sen­schaft­lich inter­es­sant und zei­gen, dass die For­schung an ursäch­li­chen The­ra­pien wei­ter vor­an­schrei­tet.

Bis­lang wur­de die Behand­lung aus­schließ­lich im Maus­mo­dell unter­sucht. Ob sich die beob­ach­te­ten Effek­te auf Men­schen mit Dra­vet-Syn­drom über­tra­gen las­sen, ist der­zeit noch nicht bekannt. Vor einer mög­li­chen kli­ni­schen Stu­die müs­sen zunächst wei­te­re prä­kli­ni­sche Unter­su­chun­gen fol­gen, um unter ande­rem die opti­ma­le Dosie­rung, die lang­fris­ti­ge Sicher­heit und mög­li­che Neben­wir­kun­gen genau­er zu unter­su­chen.

Die Autorin­nen und Autoren kom­men zu dem Schluss, dass ihr AAV-basier­ter Ant­agoN­AT-Ansatz das Poten­zi­al für eine zukünf­ti­ge gen­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung des Dra­vet-Syn­droms haben könn­te. Ob sich die­se Hoff­nung erfüllt, wer­den erst wei­te­re prä­kli­ni­sche Unter­su­chun­gen und spä­ter kli­ni­sche Stu­di­en zei­gen. Bis dahin lie­fert die Arbeit vor allem einen wich­ti­gen Bei­trag für die For­schung und erwei­tert die Zahl der mög­li­chen The­ra­pie­an­sät­ze, die der­zeit welt­weit ver­folgt wer­den