Anhaltende Anfallsreduktion und weitere Hinweise auf Entwicklungsfortschritte
Über ETX101, eine experimentelle Gentherapie für Kinder mit SCN1A-assoziiertem Dravet-Syndrom, haben wir bereits im Mai berichtet. Damals wurden auf dem Kongress der American Society of Gene & Cell Therapy (ASGCT) erste klinische Daten aus dem POLARIS-Programm vorgestellt.
Nun liegen weitere Ergebnisse vor: Auf dem 16. Europäischen Epilepsiekongress (EEC) in Athen präsentierte Encoded Therapeutics aktualisierte Daten mit längeren Beobachtungszeiträumen. Die neuen Auswertungen reichen bei einzelnen Kindern inzwischen bis zu 117 Wochen nach der Behandlung.
Im Mittelpunkt stehen weiterhin zwei Fragen: Wie stabil ist die beobachtete Anfallsreduktion nach einer einmaligen Behandlung? Und gibt es weitere Hinweise darauf, dass ETX101 auch die Entwicklung der Kinder beeinflussen könnte?
Die neuen Daten sind interessant und erweitern die bisherigen Beobachtungen. Sie stammen jedoch weiterhin aus frühen, offenen Studien mit kleinen Patientengruppen. Eine abschließende Aussage über die Wirksamkeit von ETX101 ist daher noch nicht möglich.
Anfallsreduktion bleibt über ein Jahr bestehen
Bereits die auf der ASGCT vorgestellten Daten hatten eine deutliche Reduktion der monatlichen Anfallshäufigkeit gezeigt. Die aktuellen Ergebnisse bestätigen, dass diese Beobachtung bei den bislang behandelten Kindern über einen längeren Zeitraum anhält.
In der kumulativen Auswertung von Woche 5 bis Woche 52 beziehungsweise bis zum letzten verfügbaren Studienbesuch zeigte sich bei den beiden aktuell ausgewerteten Dosierungsgruppen eine mediane Reduktion der monatlichen Anzahl erfassbarer Anfälle (MCSF) von:
- etwa 76 Prozent bei DL3 (n=5)
- etwa 60 Prozent bei DL4 (n=9)
Bei den Kindern, die bereits 52 Wochen beobachtet werden konnten, lag die mediane Reduktion im Zeitraum von Woche 49 bis 52 bei etwa 79 Prozent für DL3 (n=3) und 89 Prozent für DL4 (n=5).
Die Ergebnisse zeigen damit, dass die Anfallsreduktion bei den bisher behandelten Kindern nicht nur kurzfristig beobachtet wurde, sondern über mindestens ein Jahr anhielt.
Allerdings sind die Gruppen sehr klein. Zudem handelt es sich weiterhin um offene Studien ohne Kontrollgruppe. Die Ergebnisse können deshalb nicht eindeutig von natürlichen Schwankungen der Erkrankung oder anderen Einflussfaktoren abgegrenzt werden.
Entwicklung der Kinder weiter im Blick
Neben den Anfällen ist die Entwicklung ein besonders wichtiger Aspekt des POLARIS-Programms. Beim Dravet-Syndrom können sich im Verlauf unter anderem kognitive Fähigkeiten, Kommunikation, Motorik und Alltagskompetenzen beeinträchtigen.
Die aktuellen Daten zeigen bei den behandelten Kindern weitere Fortschritte in diesen Bereichen.
Bei Kindern, die vor dem zweiten Lebensjahr behandelt wurden, wurden mit den Bayley-4-Entwicklungstests zunehmende kognitive Fähigkeiten über die Beobachtungszeit erfasst. Die Entwicklungsverläufe unterschieden sich dabei von der Stagnation, die in der zum Vergleich herangezogenen ENVISION-Natural-History-Studie beobachtet wurde. Die Nachbeobachtung reichte in dieser Auswertung bis zu 76 Wochen.
Auch die Ergebnisse der Vineland Adaptive Behavior Scales (VABS‑3) zeigen über die untersuchten Altersgruppen hinweg Fortschritte in verschiedenen Bereichen. Dazu gehören:
- Kommunikation
- Motorik
- soziale Fähigkeiten
- Alltagsfähigkeiten
Besonders bei der rezeptiven und expressiven Kommunikation sowie bei den motorischen Fähigkeiten wurden deutliche Verbesserungen berichtet.
Was sagen diese Daten über die Entwicklung aus?
Die Entwicklungsdaten sind wissenschaftlich besonders interessant, weil sie über eine reine Betrachtung der Anfallshäufigkeit hinausgehen.
Die Forschenden vergleichen die beobachteten Entwicklungsverläufe mit Daten aus derNatural-History-Studie. Dabei zeigte sich bei den bisher behandelten Kindern eine höhere Rate beim Erwerb neuer Fähigkeiten.
Das ist jedoch noch nicht gleichbedeutend mit einem bewiesenen krankheitsmodifizierenden Effekt.
Die bisherigen Studien sind nicht randomisiert und kontrolliert. Außerdem sind die untersuchten Gruppen klein. Deshalb lässt sich aus den Daten noch nicht sicher ableiten, welchen Anteil ETX101 selbst an den beobachteten Entwicklungsfortschritten hat.
Gerade bei sehr jungen Kindern ist zudem die normale Entwicklung von Fähigkeiten mit großen individuellen Unterschieden verbunden. Deshalb müssen die Beobachtungen über längere Zeit und in größeren Studien weiter untersucht werden.
Ein besonders langer Beobachtungszeitraum bei einem Kind
Ein auf dem EEC vorgestellter Einzelfall zeigt, wie sich die Behandlung über ein Jahr entwickeln kann. Ein Kind, das im Alter von drei Jahren und neun Monaten mit der höchsten untersuchten Dosis (DL4) behandelt wurde, wurde anschließend 52 Wochen lang beobachtet. In diesem Zeitraum kam es zu einer deutlichen Verringerung der Anfallshäufigkeit. Zudem wurde eine längere Phase ohne Anfälle dokumentiert. Auch bei den Entwicklungsfähigkeiten wurden Fortschritte beobachtet.
Sicherheitsdaten über längere Beobachtungszeit
Auch die Sicherheitsdaten konnten erweitert werden. Die bisher behandelten Kinder wurden je nach Studiengruppe bis zu 117 Wochen nachbeobachtet.
Nach Angaben von Encoded Therapeutics wurden bislang keine schwerwiegenden Nebenwirkungen beobachtet, die auf die Behandlung oder den Eingriff zurückgeführt wurden.
Als behandlungsbedingte unerwünschte Ereignisse wurden unter anderem erhöhte Transaminasen bei 7 von 21 Kindern und Thrombozytopenien bei 3 von 21 Kindern berichtet. Nach Angaben des Unternehmens verliefen diese Veränderungen ohne klinische Symptome und bildeten sich wieder zurück.
Die Sicherheitsbewertung ist damit ebenfalls noch nicht abgeschlossen. Bei einer einmalig verabreichten Gentherapie sind insbesondere längere Beobachtungszeiträume und größere Patientenzahlen wichtig.
Der nächste wichtige Schritt sind kontrollierte Studien
Seit unserem letzten Beitrag hat sich auch das klinische Entwicklungsprogramm weiterentwickelt.
Die bisherigen POLARIS-Phase‑1/2‑Studien sind offene Dosierungsstudien. Ihr Schwerpunkt liegt auf Sicherheit, Verträglichkeit, Dosierung und ersten Hinweisen auf eine mögliche Wirksamkeit.
Mit ENDEAVOR Part 2 läuft inzwischen eine weiterführende Studie bei Kindern im Alter von sechs Monaten bis unter vier Jahren. Zusätzlich wird ETX101 in einer Erweiterungsstudie bei älteren Kindern und Jugendlichen im Alter von vier bis 18 Jahren untersucht.
Damit wird zunehmend die Frage untersucht, ob sich die bisherigen Beobachtungen auch in größeren und methodisch strengeren Studien bestätigen lassen.
Was bedeutet das für Familien?
Für Familien sind die neuen Daten vor allem deshalb relevant, weil die bisher beobachtete Anfallsreduktion auch nach einem Jahr weiter sichtbar ist und gleichzeitig weitere Entwicklungsdaten vorliegen.
Das bedeutet aber nicht, dass ETX101 bereits als wirksame oder zugelassene Therapie zur Verfügung steht.
Die bisher veröffentlichten Ergebnisse zeigen Beobachtungen bei einer kleinen Zahl behandelter Kinder. Es gibt weiterhin keine kontrollierte Vergleichsgruppe in den vorgestellten Phase‑1/2‑Daten. Deshalb bleibt offen, wie groß der tatsächliche Therapieeffekt ist und ob die beobachteten Veränderungen langfristig bei größeren Patientengruppen bestätigt werden können.
Für Familien ist die Entwicklung dennoch relevant: ETX101 gehört zu den Therapieansätzen, bei denen nicht nur die Anfälle, sondern möglicherweise auch Aspekte der Krankheitsentwicklung untersucht werden. Ob sich daraus tatsächlich ein langfristiger krankheitsmodifizierender Nutzen ergibt, müssen die weiteren Studien zeigen.
Finanzierung unterstützt weitere Entwicklung
Am 9. September 2026 gab Encoded Therapeutics außerdem den Abschluss einer Finanzierungsrunde über 275 Millionen US-Dollar bekannt. Nach Angaben des Unternehmens sollen die Mittel unter anderem die pivotale Studie zu ETX101 bei Kindern im Alter von sechs Monaten bis unter vier Jahren mit SCN1A-assoziiertem Dravet-Syndrom sowie eine Erweiterungsstudie für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren unterstützen. Darüber hinaus sollen damit die Produktionskapazitäten für die klinische und mögliche spätere kommerzielle Herstellung ausgebaut werden.
Zur aktuellen Pressemitteilung von ETX101 kommst du hier.
