Die zwei­jäh­ri­ge Jose­phi­ne aus Sankt Augus­tin hat­te ihren ers­ten Anfall mit knapp acht Mona­ten. Mit einem Jahr wur­de bei ihr das Dra­vet-Syn­drom dia­gnos­ti­ziert. Ihre Eltern Katha­ri­na und Robert tei­len ihre Geschich­te.

Könnt Ihr uns etwas über Jose­phi­nes ers­te Anfäl­le erzäh­len? Wie habt Ihr sie bemerkt und wie dar­auf reagiert?

Jose­phi­ne hat­te ihren ers­ten Anfall mit knapp 8 Mona­ten nach einer Imp­fung. Nach­dem ein Arm zu Hau­se komisch gezuckt hat­te und sie ihn danach nicht mehr bewe­gen konn­te, fuh­ren wir in die Kin­der­kli­nik. Dort hat­te sie dann ihren ers­ten Sta­tus­an­fall und wir kamen auf die Inten­siv­sta­ti­on. Ein abso­lu­ter Alp­traum und wir wur­den fast ver­rückt vor Sor­ge um unser Kind. Nach ver­schie­de­nen Unter­su­chun­gen wur­den wir nach ein paar Tagen mit der Dia­gno­se „kom­pli­zier­ter Fie­ber­krampf“ ent­las­sen. Die Ärz­te sag­ten uns, wahr­schein­lich blie­be es bei die­sem einen Krampf und wir wür­den uns nie wie­der­se­hen. Doch schon einen Monat spä­ter kam der nächs­te kom­pli­zier­te Fie­ber­krampf. In die­sem Rhyth­mus ging es wei­ter, bis wir mit knapp einem Jahr die Dia­gno­se Epi­lep­sie erhiel­ten.

Wann und wie wur­de bei Jose­phi­ne das Dra­vet-Syn­drom dia­gnos­ti­ziert? Gab es spe­zi­fi­sche Anzei­chen, die zur Dia­gno­se geführt haben?

Nach­dem Jose­phi­ne mit knapp einem Jahr den ers­ten Anfall ohne Fie­ber hat­te – an einem hei­ßen Tag im Frei­bad im kal­ten Was­ser – fin­gen wir an zu goo­geln. Dabei stie­ßen wir recht schnell auf das Dra­vet-Syn­drom. Die Ärz­te wie­gel­ten ab und ver­mu­te­ten viel mehr, dass Jose­phi­ne nach Start der Epi­lep­sie­me­di­ka­ti­on kei­ne wei­te­ren Anfäl­le mehr haben wür­de. Kei­ne Woche spä­ter führ­te die MMR-Imp­fung zum nächs­ten Anfall. Dar­auf­hin schlug dann auch der behan­deln­de Arzt einen Gen­test vor. Und sechs Wochen spä­ter hat­ten wir dann die trau­ri­ge Gewiss­heit: Es ist tat­säch­lich Dra­vet.

⁠Wie hat sich das Leben für euch als Fami­lie seit der Dia­gno­se­stel­lung ver­än­dert?

Die Dia­gno­se hat uns trotz der Vor­ah­nung kom­plett den Boden unter den Füßen weg­ge­zo­gen. Unse­re Zukunfts­vor­stel­lun­gen hat­ten sich von einem Moment auf den ande­ren in Luft auf­ge­löst. Alles, was wir über das Syn­drom gele­sen haben bezie­hungs­wei­se von den Ärz­ten erfah­ren haben, mach­te uns ein­fach nur Angst. Zu unse­rem gro­ßen Glück hat­ten wir schon nach weni­gen Tagen die Mög­lich­keit, mit einer ande­ren Dra­vet-Fami­lie zu spre­chen und zum ers­ten Mal hör­ten wir aus ers­ter Hand, dass ein Leben mit Dra­vet zu meis­tern ist. Das gab uns unheim­lich viel Hoff­nung, auch wenn es noch eine lan­ge Zeit dau­ern soll­te, bis wir uns aus dem tie­fen Loch her­aus­ge­kämpft hat­ten. Der ers­te Win­ter war ein­fach der Hor­ror, Jose­phi­ne hat­te andau­ernd Anfäl­le. Mit der Ein­do­sie­rung von Fin­tep­la ging es dann end­lich auf­wärts. Heu­te ist Jose­phi­ne zum Glück gut ein­ge­stellt und wir leben an den aller­meis­ten Tagen einen fast nor­ma­len All­tag.

⁠Wel­che Her­aus­for­de­run­gen stel­len sich im All­tag mit einem Kind mit Dra­vet-Syn­drom?

Hart sind vor allem die Tage, an denen sie krank ist. Die stän­di­ge Alarm­be­reit­schaft und die Angst um das eige­ne Kind sind sehr zer­mür­bend.

Auch das Wis­sen, dass sich das Anfalls­ge­sche­hen natür­lich jeder­zeit wie­der ver­schlech­tern kann oder wei­te­re Begleit­erschei­nun­gen auf­tre­ten kön­nen, ist nicht immer ein­fach. Die meis­te Zeit schaf­fen wir es aber, die­se Gedan­ken zu ver­drän­gen.

Her­aus­for­dernd ist es auch gleich­zei­tig unse­rer älte­ren Toch­ter gerecht zu wer­den und unse­re Ängs­te und Sor­gen wei­test­ge­hend von ihr fern­zu­hal­ten.

Wie geht Ihr als Eltern mit den emo­tio­na­len Belas­tun­gen um, die mit der Betreu­ung eines Kin­des mit einer schwe­ren neu­ro­lo­gi­schen Erkran­kung ein­her­ge­hen?

Wir ver­su­chen soweit es geht im Hier und Jetzt zu leben und uns nicht zu vie­le Gedan­ken um die Zukunft zu machen. Das klappt an vie­len Tagen gut, an ande­ren eher weni­ger.

Wel­che Art von Unter­stüt­zung und Behand­lung erhält Jose­phi­ne für sein Dra­vet-Syn­drom?

Wir sind regel­mä­ßig im SPZ in her­vor­ra­gen­der Betreu­ung und Jose­phi­ne erhält Früh­för­de­rung. In ihrer (Regel-) Kita hat Jose­phi­ne einen Inte­gra­ti­ons­platz, kann aber dank eines groß­ar­ti­gen Erzie­her-Teams, dass die Anfäl­le in der Kita bis­her toll betreut hat und sich auch sonst stark enga­giert, ohne Ein­zel­fall­hil­fe dort­hin gehen. Wei­te­re Unter­stüt­zung ist momen­tan glück­li­cher­wei­se nicht nötig.

⁠Wie geht es Jose­phi­ne jetzt?

Jose­phi­ne ist sehr gut ein­ge­stellt und hat seit einem Jahr nur noch bei deut­li­chem Fie­ber Anfäl­le. Sie ist für eine zwei­ein­halb­jäh­ri­ge noch immer etwas wacke­lig auf den Bei­nen, ist aber davon abge­se­hen völ­lig alters­ge­recht ent­wi­ckelt und macht jeden Tag tol­le Fort­schrit­te. Sie ist ein total fröh­li­ches Kind, dass die Her­zen aller im Sturm erobert und soviel mehr als nur ihre Krank­heit. Wir sind gera­de ein­fach nur dank­bar, dass es ihr so gut geht und hof­fen, dass es noch lan­ge so bleibt

Wel­che Hoff­nung und Träu­me habt Ihr für die Zukunft von Jose­phi­ne?

Wir hof­fen, dass Jose­phi­ne ein glück­li­ches Leben füh­ren wird und der Krank­heits­ver­lauf wei­ter so mild bleibt wie bis­her. Und natür­lich hof­fen wir auch auf die neu­en The­ra­pien und dar­auf, dass sie den Krank­heits­ver­lauf posi­tiv beein­flus­sen.

Wel­chen Rat möch­tet ihr Fami­li­en auf den Weg geben, die erst vor kur­zem die Dia­gno­se Dra­vet erhal­ten haben?

Gebt euch Zeit – Zeit die Krank­heit und den Umgang damit ken­nen­zu­ler­nen, Zeit zu trau­ern und Zeit zu akzep­tie­ren, dass euch nie­mand vor­her­sa­gen kann, wie die Krank­heit bei eurem Kind ver­lau­fen wird. Ver­sucht nicht vor lau­ter Angst vor der Zukunft die schö­nen Momen­te im Jetzt zu über­se­hen. Ihr wer­det ler­nen mit der Dia­gno­se zu leben und es wird auch wie­der leich­ter wer­den.

Und ganz wich­tig: ver­traut auf euer Bauch­ge­fühl, ihr seid die Exper­ten für euer Kind.

Gibt es etwas, was Ihr unbe­dingt los­wer­den möch­tet?

Wir möch­ten dem Dra­vet-Ver­ein Dan­ke sagen, für die Unter­stüt­zung und Bera­tung sowie für die Mög­lich­keit, sich mit ande­ren Fami­li­en aus­zu­tau­schen. Die­ser Rück­halt und das Gefühl, nicht allein zu sein, sind unheim­lich wert­voll.